Die Geschichte des Parfüms - Teil 2
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Vom königlichen Luxus zur modernen Duftkunst
Die Parfümerie des 19. und 20. Jahrhunderts
Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts hatte sich Grasse längst zu einer aufstrebenden Duftstadt entwickelt. Während dort vor allem kostbare Essenzen und Rohstoffe hergestellt wurden, entstanden in Paris die ersten großen Parfümhäuser Europas.
Namen wie Lubin, Houbigant oder Guerlain prägten die frühe moderne Parfümerie. Eine besondere Auszeichnung war es damals, offizieller Lieferant eines Königshauses zu werden – denn Düfte galten weiterhin als Luxusgut der gehobenen Gesellschaft.
Die Mode jener Zeit verlangte nach feinen, zurückhaltenden Kompositionen. Wer zu intensiv parfümiert war, galt schnell als Kurtisane.

Guerlain und die höfische Eleganz
1853 schuf Pierre-François-Pascal Guerlain für Kaiserin Eugénie, die Ehefrau Napoleons III., einen exklusiven Duft: Eau de Cologne Impériale Royale.
Fünf Jahre lang blieb dieser Duft ausschließlich der Kaiserin vorbehalten. Die berühmte Bienenflasche wurde später zum Symbol des Hauses Guerlain und erinnert bis heute an die Verbindung zwischen Parfümerie und höfischer Eleganz.

Die zweite Duft-Revolution: Synthetische Duftstoffe
1873 begann erneut eine Revolution in der Welt der Düfte – diesmal in Deutschland.
Dem Unternehmen Haarmann & Reimer gelang erstmals die Synthese von Vanillin, dem Duftstoff der Vanille. Bis dahin war Vanille ein äußerst kostbarer natürlicher Rohstoff gewesen. Nun konnte ihr charakteristischer Duft künstlich hergestellt werden – zunächst aus Bestandteilen der Rinde von Nadelbäumen.
Kurz darauf gelang auch die Gewinnung von Cumarin, einem Duftstoff mit warmem Heu- und Mandelcharakter.
Diese neuen synthetischen Moleküle veränderten die Parfümerie grundlegend. Plötzlich konnten Düfte geschaffen werden, die in der Natur gar nicht existierten.
Die großen Parfümhäuser erkannten schnell die Möglichkeiten:
Houbigant brachte Fougère Royale auf den Markt – den ersten Duft einer völlig neuen Duftfamilie. Guerlain folgte wenig später mit dem legendären Jicky, einem Parfüm, das natürliche und synthetische Stoffe erstmals bewusst miteinander verband.

Russland – das unterschätzte Parfümzentrum
Neben Frankreich spielte im 19. Jahrhundert auch Russland eine überraschend wichtige Rolle in der Welt der Düfte.
Französische Einwanderer gründeten in Moskau bedeutende Parfümhäuser, darunter Rallet und Brocar. Sie brachten französisches Know-how mit und bezogen hochwertige Essenzen aus Grasse.
Die Unternehmen wurden Lieferanten des Zarenhofes der Romanows, machten Düfte jedoch zugleich für breitere Bevölkerungsschichten zugänglich. Besonders beliebt waren preiswerte Sets aus Seife, Haarpomade und Eau de Cologne.
Einige Produkte verbanden Schönheit sogar mit Bildung: So gab es Seifenverpackungen, die Kindern spielerisch das Alphabet beibrachten.
Auf den Weltausstellungen in Paris um 1900 gewannen die russischen Häuser zahlreiche Auszeichnungen. Dennoch galten französische Parfüms weiterhin als die „feineren“ Düfte Europas.
François Coty – der Mann, der Parfüm modern machte
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts betrat eine weitere Schlüsselfigur die Bühne der Parfümerie: François Coty.
Der ehrgeizige Korse revolutionierte die Branche gleich mehrfach. Mit seinem Duft Chypre schuf er eine völlig neue Duftwelt – inspiriert von der wilden Natur Zyperns. Der Name wurde später zur Bezeichnung einer ganzen Duftfamilie.
Coty verstand außerdem als einer der Ersten, dass nicht nur der Duft selbst wichtig war, sondern auch Flakon, Werbung und Markenimage. Damit prägte er die moderne Luxusparfümerie entscheidend.
Chanel No. 5 – Duft wird Mode
In den 1920er Jahren veränderte Coco Chanel die Duftwelt erneut grundlegend.
Mit Chanel No. 5 wurde Parfüm endgültig zum modischen Accessoire. Genau wie ihr „kleines Schwarzes“ wirkte auch der Flakon revolutionär modern: schlicht, elegant und klar gestaltet – ein bewusster Gegenentwurf zu den verspielten Flaschen der damaligen Zeit.
Der Parfümeur hinter dem Duft war Ernest Beaux, Sohn einer französischen Familie, der zuvor in Moskau gearbeitet hatte. Dort entwickelte er bereits Düfte für den Hof der Romanows. Nach der Oktoberrevolution kehrte er nach Frankreich zurück und lernte über gemeinsame Bekannte Coco Chanel kennen.
Mit Chanel No. 5 wurden auch Aldehyde populär – synthetische Duftstoffe mit metallisch-frischem Charakter, die in der Natur so nicht vorkommen. Sie verliehen dem Duft seine unverwechselbare abstrakte Eleganz.
Amerika entdeckt den Duft
In den 1920er- und 1930er-Jahren entwickelte sich die USA zunehmend zu einem wichtigen Absatzmarkt für Parfüm.
Auch Estée Lauder begann in dieser Zeit ihre Karriere. Als junges Mädchen lernte sie bei ihrem Großvater, einem Apotheker, Cremes und Kosmetikprodukte herzustellen – der Beginn eines späteren Kosmetikimperiums.
Die Brüder Wertheimer sicherten sich unterdessen die Rechte an Chanel No. 5 und bauten in New York Produktionsstätten für den amerikanischen Markt auf.
Der Duftboom nach dem Zweiten Weltkrieg
Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte die Parfümerie einen gewaltigen Aufschwung.
Immer mehr Modehäuser brachten eigene Düfte heraus und machten Parfüm zu einem erschwinglicheren Luxus. Häuser wie Dior, Rochas oder Yves Saint Laurent schufen Klassiker, die bis heute bekannt sind.
Düfte wie Miss Dior, Eau Sauvage, Femme, Madame Rochas oder später Opium prägten ganze Generationen.
In den USA wurde Estée Lauders Youth Dew zunächst als Badeöl verkauft – entwickelte sich jedoch rasch zu einem der erfolgreichsten Parfüms überhaupt.
Besonders beliebt waren lange Zeit schwere Chypre- und orientalische Düfte. Guerlain hatte mit Shalimar bereits früh den Weg für die orientalische Duftfamilie geebnet.
Von der Massenware zur Individualität
In den 1970er- und 1980er-Jahren wurde Parfüm endgültig zum Produkt für die breite Masse. Süße, blumige und auffällige Düfte dominierten den Markt.
Auch die heute selbstverständliche Einteilung in Damen- und Herrendüfte entstand vermutlich vor allem aus Marketinggründen.
In den 1990er-Jahren begann jedoch erneut ein Umdenken. Calvin Klein brachte mit CK One einen Duft auf den Markt, der bewusst als unisex vermarktet wurde – leicht, frisch, aquatisch und modern.
Viele betrachten ihn als Vorläufer der heutigen minimalistischen Duftästhetik.
Die Geburt der Nischenparfümerie
Während bei klassischen Designerparfüms meist die großen Modehäuser im Vordergrund standen, entwickelte sich parallel eine andere Bewegung: die Nischenparfümerie.
Bereits in den 1970er-Jahren entstanden in Paris erste Marken wie Serge Lutens, Annick Goutal oder Le Jardin Retrouvé. Hier standen nicht Mode oder Prominenz im Mittelpunkt, sondern kreative Konzepte, ungewöhnliche Rohstoffe und die Handschrift der Parfümeure selbst.
Heute dominieren zwar große Konzerne wie LVMH oder Puig weite Teile des Marktes, doch gleichzeitig wächst auch die Sehnsucht nach Individualität.
Immer mehr Menschen suchen nach einem Duft, der zur eigenen Persönlichkeit passt – oder sogar ein bestimmtes Lebensgefühl ausdrückt.
Die Magie des Duftes bleibt
Noch nie war Wissen über Parfüm so leicht zugänglich wie heute. Bücher, Internet und der Zugang zu Rohstoffen ermöglichen es mittlerweile sogar, eigene Düfte zuhause zu kreieren.
Doch trotz aller Technik bleibt die Welt der Düfte geheimnisvoll.
Ein guter Duft lässt sich nicht einfach erzwingen. Es braucht Geduld, Erfahrung und Neugier, um die Sprache der Rohstoffe wirklich zu verstehen.
Und vielleicht liegt genau darin die anhaltende Faszination des Parfüms:
Ein Duft kann uns in Sekunden in eine andere Stimmung versetzen, Erinnerungen wecken oder uns das Gefühl geben, genau der Mensch zu sein, der wir in diesem Moment sein möchten.
Die Magie des Duftes dauert an.


